Beth Riesgraf | Sisangian Sihalath | Taking Off
Cover

Leseprobe

 

 

 

 

Tina Jörns

 

 

 

Der Sommer der Feuerfische

 

 

 

Pfeifend lehnte Lena das Fahrrad gegen den Gartenzaun, der das alte Haus ihrer Großmutter umgab. Es war ein herrlich warmer Sommertag. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne brannte mit voller Kraft auf sie herab. Die Blätter der Bäume waren saftig grün und die Luft erfüllt vom süßen Duft der Blumen. Überall summte und zwitscherte es. Lena zwängte sich zwischen zwei Büschen hindurch.

Alles war verwildert und das Gras so hoch, dass es ihr bis zu den Knien reichte. Für Lena hatte dieser Ort etwas Magisches. Ihre Großmutter hatte ihr früher Geschichten von Feen und Wassergeistern erzählt, die angeblich hier lebten und des Nachts ans Ufer gekrochen kamen.

Letzte Woche war Oma ins Pflegeheim gekommen. Lenas Vater hatte sie dorthin gefahren, nachdem sie häufiger gestürzt war und ihren Haushalt nicht mehr hatte alleine bewältigen können. Es ist nur für kurze Zeit, hatte er Lena getröstet, doch sie hatte die Lüge in seinen Augen gesehen.

Kurz bevor ihre Großmutter ins Auto gestiegen war, hatte sie Lena den Schlüssel für das Haus in die Hand gedrückt.

»Du bist die Einzige, die das Häuschen zu schätzen weiß, so wie ich«, hatte sie mit brüchiger Stimme geflüstert. »Versprich mir, dass du dich um Felix und meinen Garten kümmerst.« Felix war der uralte Kater ihrer Großmutter, der ihr vor Jahren zugelaufen war und seitdem dort sein Zuhause gefunden hatte.

Lena ließ den Rucksack auf den Boden fallen. Das Grundstück war eingezwängt zwischen zwei Villen und wirkte dadurch wie ein Fremdkörper. Ihre Eltern hatten bereits mehrfach darauf gedrängt das Haus zu verkaufen, aber Oma hatte sich stets geweigert.

Lenas Blick wanderte zum Hintereingang. Das alte Gemäuer hatte schon bessere Tage gesehen. Grünes Moos überzog das Dach wie ein dichter Pelz. Der Schornstein neigte sich schief zur Seite, sodass man befürchten musste, er könnte jeden Moment in sich zusammenkrachen. Die Rosenbüsche, die ihre Großmutter vor Urzeiten entlang der Außenfassade gepflanzt hatte, bedeckten die feinen Risse, die sich über die Jahre im Mauerwerk gebildet hatten. Die hellblaue Farbe an den Fensterläden war an einigen Stellen abgeplatzt und das dunkle Holz darunter kam zum Vorschein.

»Hallo«, ertönte eine bekannte Stimme von Weitem. Emma Böhm, ihre Freundin, kam mit beschwingtem Schritt den schmalen Weg runter gelaufen.

»Da bin ich.« Ihre blauen Augen lachten vergnügt.

»Das sehe ich«, grinste Lena zurück. Emma und sie waren seit dem Kindergarten beste Freundinnen. »Ich bin froh, dass du Zeit hast mir zu helfen. Alleine würde ich das nicht schaffen.« Sie deutete mit der Hand auf die große Rasenfläche vor sich.

Emma nickte. »Kommt mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich hier war.« Sie ließ ihren Blick über den Vorgarten und das Haus wandern. »Hat sich kaum verändert.«

»Ja, Oma hat alles so gelassen, wie es war.« Sie zeigte auf das hohe Gras, zwischen dem der Löwenzahn wuchs. »Allerdings wartet ne Menge Arbeit auf uns.« Sie und ihre Freundinnen hatten sich heute hier verabredet, um das Haus in Augenschein zu nehmen und sich um den Garten zu kümmern.

»Eigentlich habe ich ja nicht so Bock auf Arbeiten. Wir könnten uns doch einfach auf den Steg legen und es uns gemütlich machen.« Emmas sonnengebräunte Beine lugten unter den Hot Pants hervor und ließen sie noch länger aussehen, als sie es ohnehin waren. Als Oberteil trug sie ein enges Tanktop. Ihre wilden braunen Locken hatte sie in einem Knoten gebändigt. Sie sah aus wie aus einem Modemagazin gesprungen.

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen«, schmunzelte Lena.

»Manchmal klingst du wie meine Eltern.« Emma rollte genervt mit den Augen. »Immer die gleiche Leier: Räum dein Zimmer auf, mach deine Hausaufgaben, wie siehst du überhaupt aus«, fuhr sie mit verstellter Stimme fort.

»Aber das ist jetzt vorbei. Kein Mensch kommt uns hier stören. Keine Eltern. Keine Schule. Nur wir vier.« Lena strahlte ihre Freundin an.

»Thema vier«, sagte Emma, »wo ist der Rest? Ich dachte schon, dass ich die Letzte bin.«

Lena zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, Antonia und Frieda müssten eigentlich jeden Augenblick kommen.«

»Hallöchen!« Friedas Kopf tauchte zwischen den alten Bäumen auf.

»Wenn man vom Teufel spricht«, feixte Emma.

»Hallo, ihr zwei!« Mit wenigen Schritten war Frieda bei ihnen. Sie hatte eine kurze Trainingshose und ein Funktionsshirt an. Ihr Gesicht war leicht gerötet und unter ihren Achseln zeichneten sich dunkle Flecken ab.

»Hattest du Sport?« Emmas Blick fiel auf Friedas Klamotten.

»Ich war noch ne Runde joggen«, erklärte sie grinsend. Emma und sie hatten ungefähr die gleiche Statur. Im Gegensatz zu Emma hatte Frieda lange blonde Haare und ein ovales Gesicht, während das von Emma etwas kantiger geschnitten war.

»Deswegen riecht es hier so komisch.« Emma rümpfte die Nase.

»Ha. Ha. Sehr witzig.« Friedas Augen funkelten sie angriffslustig an.

»Du Tier.« Lena klopfte Frieda auf die Schulter. »Allein bei dem Gedanken, bei der Hitze zu laufen, bekomme ich einen Schweißausbruch.« Ein Hochdruckgebiet sorgte seit Tagen dafür, dass es ungewöhnlich warm für die Jahreszeit war.

»So schlimm war es gar nicht.« Frieda strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Ihr Blick wanderte kurz umher. »Alter Falter. Das ist ja voll der coole Schuppen. Bist du sicher, dass deine Oma dir den Schlüssel dafür überlassen hat?«

»Jep!« Lena zog ihn grinsend aus der Hosentasche und wedelte damit vor Friedas Gesicht.

»Wo bleibt Toni nur?« Emma sah zum wiederholten Mal auf ihre Uhr.

Frieda zuckte mit den Achseln. »Ich würde sagen: Typisch Toni. Ich kann mich nicht erinnern, wann sie mal pünktlich war.«

»Womit du wahrscheinlich recht hast.« Lena wirbelte herum.

»Was haltet ihr davon, wenn wir uns so lange das Haus von innen anschauen. Ich war auch schon seit Wochen nicht mehr hier«, schlug sie vor.

»Einverstanden«, nickte Emma.

»Gute Idee«, stimmte Frieda ihnen zu.

Lena drehte den Schlüssel im Schloss um und drückte zeitgleich dagegen. Quietschend sprang die Tür auf.

Als sie eintraten, hatten sie sofort einen schwachen Duft nach Lavendel, Thymian und Rosmarin in der Nase. Lenas Großmutter hatte überall im Haus getrocknete Kräuterbündel hängen, von denen sie behauptete, sie hätten eine beruhigende Wirkung auf sie. Der alte Dielenboden knarrte unter der Last ihrer Füße, als sie den Flur entlanggingen. Die Sonne fiel durch das kleine Fenster und tauchte alles in ihr goldenes Licht.

Die hellen Wände waren gepflastert mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Neugierig blieben die Drei stehen und betrachteten die Bilder. Die meisten davon zeigten Rosie Müller als junge Frau, umrandet von ihren Freundinnen. Auf einigen war sie mit Lenas Opa zu sehen. Die beiden waren zeitlebens ein glückliches Paar gewesen. Harald Müller war vor knapp fünf Jahren an einem Herzinfarkt verstorben. Seitdem hatte Rosie alleine gewohnt.

»Deine Oma war echt ne hübsche Frau«, lautete Emmas abschließende Meinung.

»Ich finde, du siehst ihr wie aus dem Gesicht geschnitten aus«, stellte Frieda fest. »Du hast die gleichen hellblauen Augen und dieselbe Figur wie sie.«

»Ja, das haben schon viele gesagt. Wir haben auch eine ähnliche Stimme. Meine Mutter hat uns ein paarmal am Telefon verwechselt.« Lena streckte den Kopf durch die Küchentür. Alles sah aus, als hätte ihre Oma den Raum gerade verlassen. Ihr Lieblingskaffeebecher stand einsam auf dem alten Küchentisch. Felix, der Kater, lag dösend auf der Decke vor dem Kamin. Als er die Mädchen hörte, hob er den Kopf und fing jämmerlich an zu maunzen.

»Hallo Felix.« Lena bückte sich, um den Stubentiger zu streicheln. »Na, hast du Oma vermisst?« Der Kater sah Lena mit seinen herrlich grünen Augen an, als würde er jedes ihrer Worte verstehen.

»Der ist ganz schön fett«, grinste Emma. »Ein paar Tage Diät würden ihm nicht schaden.«

»Du bist echt fies. Das arme Tier war ganz alleine und du denkst an sein Gewicht.« Frieda schüttelte den Kopf.

»Das arme Tier war ganz alleine«, äffte Emma sie nach. »Der Kater wiegt gut zwanzig Kilo und außerdem kann er jederzeit raus.« Sie deutete auf die kleine Klappe, die sich in der Küchentür nach draußen zur Terrasse befand.

»Gut, dass du kein Haustier hast«, sagte Lena trocken. »Das arme Vieh würde verhungern oder an Einsamkeit sterben.« Sie ging zum Kühlschrank, wo ihre Großmutter für gewöhnlich das Futter lagerte.

»Hallo.« Antonias Stimme hallte durch den Flur.

»Wir sind in der Küche«, schrie Emma zurück.

»Danke, jetzt habe ich einen Tinnitus!« Lena hielt sich demonstrativ die Ohren zu.

»Gern geschehen«, entgegnete Emma.

»Hi Leute.« Antonia streckte den Kopf durch die Küchentür.

»Da bist du ja«, begrüßte sie Frieda.

»Krasse Hütte, Lena.« Antonia stellte sich breitbeinig mitten ins Zimmer.

»Finde ich auch. Meine Eltern sehen das allerdings anders. Die wollten Omas Haus schon ein paarmal verkaufen.« Sie rümpfte die Nase mit dem Katzenfutter in der Hand. »Boah, das Zeug stinkt echt widerlich.«

»Ich könnte das nicht essen.« Emma machte eine Grimasse.

»Musst du ja schließlich nicht«, kommentierte Frieda. »Felix findet es gut.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Kater. Der hatte sich von seiner Decke erhoben und schnupperte. Sein Schwanz bewegte sich dabei aufgeregt hin und her.

Lena seufzte. »Sieht ganz so aus.« Sie holte eine Schüssel aus dem Küchenschrank und füllte sie mit einer ordentlichen Portion Futter. Dann ging sie in die Knie und platzierte es vor Felix auf den Boden. Sofort stürzte sich der Kater mit Begeisterung auf den Teller.

»Zumindest einer von uns ist glücklich«, schmunzelte Lena. »Sollen wir mal schauen, was der Kühlschrank sonst noch zu bieten hat?« Sie steckte den Kopf in das altertümliche Gerät, das die Größe eines Kleiderschranks hatte. »Jemand Lust auf Sardellen und Oliven?«

»Urgs!« Frieda, Emma und Antonia verzogen das Gesicht.

»Wasser?« Lena wedelte mit einer Flasche.

»Wasser klingt prima!« Emma klatschte in die Hände. »Das nächste Mal bringe ich uns was Vernünftiges mit.«

»Definiere vernünftig.« Frieda zog misstrauisch die Augenbrauen nach oben.

»Na Wein, Sekt, Bier. Irgendwas Alkoholisches halt.« Ein breites Grinsen huschte über Emmas Mund.

»Spinnst du?« Lena tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. »Meine Eltern reißen mir den Kopf ab, wenn sie mich dabei erwischen.«

»Dann lass dich nicht erwischen.« Emma grinste.

»Wollen wir nach draußen?« Lena wies mit einer Kopfbewegung auf die Terrassentür gleich neben der Sitzecke.

»Ja klar. Ich habe sogar meine Badesachen mitgenommen.« Frieda zeigte auf den Turnbeutel auf ihrem Rücken.

»Ich auch!« Emma klatschte vergnügt in die Hände.

»Sag mal, und wann wird deine Oma entlassen?«,fragte Antonia.

Lena zuckte mit den Schultern. »Keiner Ahnung. Mein Vater hat behauptet, es ist nur vorübergehend.«

»Okay.« Frieda musterte sie skeptisch. »Als meine Oma vor einem Jahr ins Heim gekommen ist, hieß es auch, sie kommt wieder.«

Lenas Blick wurde düster. Ihre Oma hatte klein und zerbrechlich ausgesehen, wie sie im Auto ihres Vaters gesessen hatte.

Energisch drückte sie die Tür zur Terrasse auf.

»Nicht mehr lange und dann geht es ins Trainingslager!«, frohlockte Emma beim Gehen. »Das wird der Hammer!«

»Ja, ich kann es kaum erwarten.« Lenas Mundwinkel kräuselten sich. »Endlich mal raus aus Hamburg.«

»Das Beste daran ist, dass uns unsere Eltern nicht mehr in den Nacken hauchen können.« Emma machte ein Gesicht, als ob sie soeben im Lotto gewonnen hätte. »Ich sage nur: Freiheit!«

»Habt ihr schon das neuste Gerücht gehört?«, wollte Frieda wissen.

»Nein, welches?« Emma, Antonia und Lena stoppten.

»Die Jungs von der Germania kommen auch mit.« Frieda wippte fröhlich auf den Zehenspitzen.

»Woher weißt du das?«, fragte Emma.

»Na von Max.« Anton war der beste Freund von Friedas großem Bruder und wie sie Mitglied im Ruderklub.

Emma blinzelte ungläubig. »Nicht dein Ernst?«

»Doch!«

»Das wird ja immer besser.“ Lena zog einen Kreis mit der Fußspitze.

»Für euch vielleicht«, brummte Emma.

»Ach tu nicht so. Nur weil du und Lenny nicht mehr zusammen seid, kannst du uns anderen trotzdem etwas Spaß gönnen«, sagte Lena und gab ihrer Freundin einen Stups.

Lenny und Emma waren ein Jahr lang das Traumpaar der Schule gewesen. Doch dann hatte Lenny mit ihr Schluss gemacht und war kurze Zeit später mit Jana an seiner Seite aufgetaucht, was Emma einen ordentlichen Knacks versetzt hatte. Seitdem herrschte zwischen den beiden absolute Funkstille.

»Soweit ich gehört habe, kriselt es bei Jana und Lenny«, fügte Frieda noch hinzu.

»Ein weiteres Gerücht?« Ein Hoffnungsfunke flackerte in Emmas Augen. Alle wussten, dass sie noch immer in Lenny verknallt war.

»Ja. Ziemlich sicher sogar. Clara meinte, sie hätte gesehen, wie Jana ihn angeschrien hätte.«

»Gut so.« Ein Lächeln huschte über Emmas schönes Gesicht.

»Ist doch auch egal«, lenkte Antonia das Gespräch auf ein weniger verfängliches Thema. »Jetzt sind wir jedenfalls hier.« Sie blieben stehen. Vor ihnen lag der kleine Holzsteg. Das Wasser gluckste leise darunter. Eine Gruppe Enten schwamm gemütlich daran vorbei.

»Wollen wir ne Runde schwimmen gehen?« Emma machte eine Kopfbewegung in Richtung Kanal.

»Ich weiß nicht.« Frieda machte eine Grimasse. »Ich glaube, die Alster ist verdammt kalt.«

»Ach, stell dich nicht so an.« Emma zerrte an ihrem Tanktop. »Eine kurze Abkühlung bei der Hitze kann nicht schaden.«

»Ist das denn erlaubt?«, fragte Antonia zaghaft.

»Seit wann brauchst du eine Erlaubnis, um schwimmen zu gehen?«, neckte Emma sie.

»Na ja, das hier ist schließlich ein Privatgrundstück«, sagte Antonia zögerlich.

»Und genau deshalb baden wir jetzt.« Emma hatte die Shorts abgestreift und nahm Anlauf. Kreischend und mit angezogenen Beinen hüpfte sie ins Wasser. Tropfen flogen durch die Luft.

Emmas Kopf tauchte wieder auf.

»Es ist herrlich!«, rief sie ihren Freundinnen zu. »Los kommt!«

»Was soll’s!« Lena zog ihr Shirt über den Kopf. Nur in Unterhose und BH bekleidet sprang sie ins Wasser. Frieda hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und hopste im Bikini in die Alster. Nur Antonia stand noch etwas unschlüssig auf dem Steg.

»Los, du Feigling«, kreischte Emma.

Friedas blonde Haare glänzten wie Gold im Sonnenlicht. »Komm, es ist mega.«

»Lass dich nicht so bitten!« Frieda spritzte Antonia nass.

»Okay, auf eure Verantwortung.« Mit einem Satz drückte sich Antonia vom Steg ab. Ihr Körper tauchte in die Fluten ein. Sekunden später durchbrach ihr Kopf die Wasseroberfläche.

»Oh Gott, ist das kalt«, prustete sie.

»Blödsinn!«, winkte Emma ab. »Es ist genial. Ich schwitze schon den ganzen Tag.«

»Absolut.« Lena schwamm mit ein paar Zügen zum Steg und hielt sich am Rand fest. Ihr Blick wanderte über das Wasser. »Ich finde es toll.«

»Ich auch«, stimmte Frieda ihr zu.

»Was hältst du davon, wenn wir das Häuschen deiner Oma für den Sommer für uns beanspruchen?« Emma wischte sich einige Tropfen aus dem Gesicht.

»Was meinst du damit?«

»Na wir können uns doch hier treffen und vielleicht sogar mal in der Bude pennen?« Emma legte den Kopf leicht schräg. Ihre dunklen Locken lagen schwer auf den Schultern.

»Geile Idee.« Frieda kam zu ihnen geschwommen. »Da wäre ich sofort dabei.«

»Ich weiß nicht, ob meine Eltern mir das erlauben.« Antonias Stimme geriet ins Wanken.

»Wieso eigentlich nicht. Wir sind schließlich keine kreischenden Kinder mehr. Das Haus ist in einer guten Wohngegend und wir haben alles, was man braucht.« Lena strich sich eine Strähne aus der Stirn. »Also, ich wäre dabei. Noch dazu wird das Haus bewohnt und der Garten verkümmert nicht.«

»Dann ist es beschlossene Sache«, nickte Emma und sah Beifall heischend in die Runde ihrer Freundinnen. »Der Sommer kann losgehen.«

 

Lena drehte den Haustürschlüssel im Schloss. »Mama, ich bin wieder da!«

Sie lauschte – keine Antwort.

»Mama?«

Mit den Augen suchte sie das Tischchen neben dem Eingang ab. Für gewöhnlich hinterließ ihre Mutter eine kurze Nachricht, wo sie war. Heute war nichts zu entdecken. Nicht mal ein Zettel.

Verwundert zog sie die Schuhe aus und tapste barfuß über den Flur. Die Schlafzimmertür ihrer Eltern stand weit offen. Lenas Blick fiel auf das ungemachte Bett.

Eigenartig! Normalerweise war es das Erste, was ihre Mutter morgens erledigte. Sogar die Vorhänge waren noch zugezogen und alles wirkte unordentlich. Kleidungstücke lagen verstreut auf dem Boden.

Sie ging bis zu Max‘ Zimmer. Auch hier gab es keinerlei Hinweis auf den Verbleib der beiden.

Die Spielsachen ihres kleinen Bruders waren überall verteilt und auf dem Wickeltisch entdeckte sie eine benutzte Windel. Eine ungute Ahnung breitete sich in ihr aus. Ihr Magen zog sich zu einer Faust zusammen. Hoffentlich war nicht etwas passiert.

Max war ein neugieriges aufgewecktes Kleinkind, das ständig Unsinn machte und sich dabei in Gefahr brachte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihre Mutter mit ihm zum Arzt musste. Bereits letzte Woche hatte der Kleine sich bei einem Sturz die Oberlippe aufgeschlagen.

Lena stieß mit dem Fuß die Tür zu ihrem Zimmer auf. Die Abendsonne schien schräg durch das Fenster und tauchte alles in ihr warmes Licht. Der Nachmittag mit ihren Freundinnen war schön gewesen. Nachdem sie gebadet hatten, hatten sie sich daran gemacht den Rasen zu mähen. Auf dem Heimweg waren sie an der Eisdiele vorbeigefahren.

Aber jetzt war das positive Gefühl, das sie eben gehabt hatte, mit einem Schlag verflogen. Verdrossen schmiss sie die Tasche in die Ecke.

Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, wo das aufgeklappte Mathematikbuch lag und sie an die Hausaufgaben erinnerte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort. Missmutig setzte sie sich an den Tisch und fing an, die erste Aufgabe zu lesen. Dabei wanderten ihre Gedanken wieder zu ihrer Mutter.

Für gewöhnlich war Susanne Müller gut gelaunt und hatte fast immer ein Lächeln auf den Lippen. In den vergangenen Wochen war dieses Lächeln mehr und mehr verschwunden. Vielleicht lag es daran, dass ihr Vater meist bis spät in die Nacht arbeitete. Obwohl er es ihr versprochen hatte, war er nicht zum Abendessen erschienen. Wie so häufig in der letzten Zeit hatte er aus dem Büro angerufen, um mitzuteilen, dass er nicht pünktlich sein würde. Lena hatte genau gesehen, wie ihre Mutter am Telefon ein vorwurfsvolles Gesicht machte und wortlos aufgelegt hatte.

Seufzend klappte sie das Buch zu und starrte auf die Discokugel, die von der Zimmerdecke hing und ihr glitzerndes Licht auf die weißen Wände warf. Es knackte. Lena schreckte aus ihren Gedanken hoch. Schritte waren zu hören.

Sie sprang auf und ging nach draußen. Ihre Mutter stand mit Max im Flur und zog ihm die Schuhe aus.

»Lena, du bist ja schon zurück.« Ihre Stimme klang müde.

»Schon?« Lena runzelte die Stirn. Es war bereits nach sieben. Für gewöhnlich saß die Familie um diese Zeit beim Abendessen. Sie musterte ihre Mutter. Die Augen waren gerötet und sie sah aus, als hätte sie geweint. Was war passiert?

»Könntest du dich bitte um Max kümmern? Ich muss mal kurz allein sein«, murmelte Frau Müller, darauf bedacht, ihrer Tochter nicht ins Gesicht zu schauen. »Ich fühle mich nicht besonders gut.«

Lena schluckte. In ihrem Hals hatte sich ein Kloß gebildet, der nicht verschwinden wollte und die Alarmglocke in ihrem Kopf schrillte laut. Irgendetwas stimmt nicht.

Max ließ die Hand seiner Mutter los und lief zu seiner großen Schwester. Er hatte den Mund vor Begeisterung aufgerissen, als er in ihre Arme flog. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie ihre Mutter im Schlafzimmer huschte und die Tür mit einem leisen Klicken ins Schloss fiel.

»Hab‘ Eis g’essen«, zwitscherte Max wie ein Vögelchen und patschte mit seinen feuchten Kinderhänden in ihr Gesicht.

Wie einfach das Leben ist, wenn man klein ist.

Seufzend zog Lena ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche, um die Reste von Max‘ Eisschlacht von seinem Mund zu entfernen. Ihr Blick wanderte zu der geschlossenen Schlafzimmertür und sie fragte sich, was vorgefallen war.

»Tomm!« Max zerrte an ihrem Arm. »Lena Bagger spielen.«

»Einverstanden, du Räuber.« Gedankenverloren nahm sie Max auf den Arm und ging in Richtung Kinderzimmer.

 

»Hier, mein Kleiner.« Lena stellte ihm seinen Teller mit frisch geschnittenen Möhren und Gurken auf den Tisch. Gierig schnellte Max‘ Hand nach vorne und Sekunden später verschwand ein Gurkenstück in seinem Mund. Lächelnd setzte sich Lena neben ihren Bruder und fing an, sich eine Stulle zu schmieren. Sie hatten eine halbe Stunde miteinander gespielt, ohne dass sich ihre Mutter hatte blicken lassen. Irgendwann hatte Max angefangen zu quengeln, und Lena hatte beschlossen, dass es das Beste wäre, ihn zu füttern.

»Hallo, ihr beiden.« Susanne Müller stand plötzlich im Türrahmen. Ihre Augen waren verquollen, und sie hatte rote Flecken im Gesicht. »Warum habt ihr mich nicht gerufen?« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll, was Lena einen Stich versetzte. Sie hatte nur helfen wollen.

Demonstrativ legte sie das Brot zurück auf den Teller. »Ich wollte dich nicht stören.«

»Danke, das ist lieb von dir, aber wir essen doch immer zusammen.«, Sie gab Lena einen Kuss auf die Nasenspitze.

»Wo ist Papa?«, fragte Lena beiläufig.

»Bei deinem Vater wird es heute später.«

Lenas Herz klopfte wie verrückt. »Habt ihr euch gestritten?«

Max sah irritiert hoch.

»Ja«, erwiderte ihre Mutter knapp.

»Aber warum?« Lena knabberte nervös an ihrer Unterlippe.

»Das verstehst du nicht.« Das Gesicht von Susanne Müller war verschlossen.

»Wieso nicht?« Lena hob den Kopf und sah ihr fest in die Augen.

»Weil es kompliziert ist.«

»Ich bin sechzehn Jahre alt.« Lena zog den Arm abrupt weg. »Ich bin kein kleines Kind mehr.«

»Das weiß ich doch«, versicherte ihre Mutter.

»Dann hör auf, mich für blöd zu verkaufen. Meinst du, ich merke nicht, dass seit Wochen dicke Luft zwischen euch herrscht?«

»Lena, Spätzchen. Dein Vater und ich machen gerade eine schwierige Phase durch«, startete ihre Mutter einen erneuten Versuch, sie zu beruhigen.

»Liebst du Papa nicht mehr?«

»Natürlich liebe ich deinen Vater. Warum fragst du?«

»Weil du Papa ständig anmeckerst.«

»Zu einem Streit gehören zwei.« Susannes Mund war kaum mehr als ein dünner Strich.

»Du sagst mir immer, man kann jedes Problem lösen, wenn man nur miteinander redet. Wieso redest du also nicht mit Papa? Ich höre euch nur schreien.«

Ihre Mutter sah sie mit großen Augen an. »Das tut mir leid.«

»Mhm.« Sie zog einen Hautfetzen von ihrem Daumen ab.

»Mach dir keine Sorgen. Papa und ich kriegen das schon hin.« Susanne Müller nahm ein Scheibe Brot aus dem Korb.

»Hoffentlich«, brummte Lena. Der Gedanke, dass ihre Eltern eine ernsthafte Krise hatten, machte ihr Angst. »Ich könnte ja auf Max aufpassen und ihr macht einen Pärchenabend. So wie früher.« Das war ein absolutes Friedensangebot von ihr. Zwar liebte sie ihren kleinen Bruder über alles, aber die Abende waren ihr heilig. Für gewöhnlich hatte sie keine Lust, von ihren Eltern als kostenloser Babysitter missbraucht zu werden.

»Danke. Das ist ganz lieb von dir. Dein Vater hat im Moment einfach viel zu tun im Büro«, wich ihre Mutter aus.

»Überrasch ihn doch mit seinem Lieblingsessen«, startete sie einen erneuten Versuch.

Susanne strich ihr sanft mit der Hand über ihre Haare. »Ich weiß, du meinst es gut, aber manche Dinge lassen sich nicht mit einem guten Essen lösen.«

»Mhm.« Sie schob ihren Teller weg. Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Sie spürte die Augen ihrer Mutter auf sich ruhen.

»Sag mal, was hältst du davon, wenn ich Max ins Bett bringe, und wir beiden Mädels sehen uns zusammen Germany‘s next Topmodel an.«

»Wirklich?« Die Abende, an denen sie zu zweit auf dem Sofa saßen und gemeinsam fernsahen, waren seit Max‘ Geburt selten geworden.

»Ja klar. Ich glaube, wir haben Chips im Schrank.« Ihre Mutter kannte Lenas Schwäche für herzhafte Snacks. »Nur du und ich und die Chips also.«

»Du bist die Beste.« Lena gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich mache in der Zwischenzeit noch meine Mathehausaufgaben fertig.« Gutgelaunt ging sie in ihr Zimmer. Vielleicht war es tatsächlich nur eine Krise, wie ihre Mutter gesagt hatte.

 

 

 

 

Emma hatte schlecht geschlafen, dementsprechend gerädert fühlte sie sich. Der Gedanke an acht Stunden Schule verbesserte ihre Laune nicht gerade. Mit finsterer Miene setzte sie sich an den Frühstückstisch.

»Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?« Eine Schlaffalte verlief quer über das Gesicht von Katja Böhm und ließ sie aussehen wie ein zerknautschtes Kissen.

Emma spürte ihre Röntgenaugen auf sich ruhen. Ignorieren war hier die beste Methode. Wie die meisten Mütter besaß auch ihre ein eingebautes Radar, das anschlug, wenn etwas mit ihren Kindern nicht stimmte.

»Mhm. Ich habe beschissen gepennt«, brummte Emma und schaufelte lustlos ihr Müsli in sich hinein. Das Zeug schmeckte wie Pappe und sie aß es aus reinen Vernunftgründen. Ihre geliebten Schokoflocken waren, seit sie auf der Packungsrückseite die Kalorienzahl pro Portion gelesen hatte, ins Abseits verbannt worden.

»Emma!«, rügte sie ihre Mutter mit vorwurfsvollem Blick.

»Ach ist doch wahr. Es war so warm im Zimmer, dass ich kein Auge zugemacht habe.«

»Falls es jemanden interessiert: Ich habe hervorragend geschlafen«, mischte sich ihr Bruder in die Unterhaltung. Tim war knapp zwei Jahre älter als sie. Mit seinen eins zweiundneunzig war er deutlich größer, im Gegensatz zu ihr jedoch eher unsportlich, was sich in den schmalen Schultern und einem leichten Bauchansatz widerspiegelte. Manchmal fragte sie sich im Stillen, ob sie und Tim wirklich Geschwister waren.

»Idiot.« Er nutzte jede Gelegenheit, um sich bei ihren Eltern einzuschleimen.

Ihre Mutter fuhr ihr von hinten über die Haare. »Hey, so schlimm wird es nicht sein. Ich bin mir sicher, dass es ein schöner Tag wird.«

»Wenn du davon so überzeugt bist, kannst du ja für mich in die Schule gehen.« Genervt schob sie die Schüssel von sich weg.

»Emma, sei nicht albern. Du weißt genau, wie ich es gemeint habe.«

»Schreibt ihr heute nicht die Mathearbeit?« Tim legte den Löffel beiseite.

»Hast du genug gelernt? Du warst gestern den ganzen Tag unterwegs?« Ihre Mutter sah sie fragend an.

»Danke, Tim! Jetzt, wo du es sagst, fühle ich mich auch gleich viel besser.« Emma schenkte ihrem Bruder einen bösen Blick.

»Gern geschehen.« Er schmunzelte unbeeindruckt. »Es ist mir immer wieder eine Freude, wenn ich meine kleine«, er betonte das Wort, »Schwester unterstützen kann.«

Grimmig stieß Emma ihn mit dem Ellbogen unsanft in die Seite, sodass Tim mit dem Gesicht fast ins Essen fiel.

»Hey, was soll das!« Er rieb sich die schmerzende Stelle.

»Emma, das war wirklich unnötig«, maßregelte ihre Mutter sie.

»Ach, bin ich schuld!«, fauchte Emma. »Obwohl Tim mich getriezt hat. Das ist doch eine verkehrte Welt«

»Allerdings, schließlich hast du deinem Bruder wehgetan«, erwiderte ihre Mutter.

»Oh, der arme kleine Timi hat ein Aua.«

»Eine Entschuldigung wäre angebracht von dir.« Katja Böhm warf ihrer Tochter einen strengen Blick zu.

»Auf keinen Fall«, entgegnete sie wütend.

»Emma!«

Tims Mundwinkel zuckten verdächtig. Machte er sich etwa lustig über sie? Emma kochte innerlich vor Wut.

»Ich finde es nicht gut, wie du dich verhältst. Tim hat dir nichts getan«, fuhr ihre Mutter mit den Ermahnungen fort.

»Tim hat mich absichtlich geärgert.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schob die Unterlippe schmollend nach vorne.

»Trotzdem möchte ich, dass du dich bei ihm entschuldigst.«

»Na gut, damit du endlich Ruhe gibst!«, prustete Emma. »‘Tschuldigung.«

Tim grinste voller Triumph, was ihr einen Stich versetzte. Sie hasste es, wenn ihre Eltern Partei für ihn ergriffen, was gefühlt fast immer der Fall war.

»Tim, und jetzt du«, forderte ihn seine Mutter auf.

»Was?« Er sah sie verdutzt an.

»Natürlich, du hast genauso Schuld an dem Streit wie Emma.«

»‘Tschuldigung«, sagte er widerwillig.

Emma wollte den Moment auskosten. Sie konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. »Ich habe dich nicht verstanden.«

»Treib es nicht auf die Spitze«, brummte Tim.

Frau Böhm faltete zufrieden die Hände auf dem Schoß und lehnte sich zurück im Stuhl.

»Was gibt es heute Abend zu essen?« Tim befand sich in einer Art Dauerhunger-Zustand.

»Was haltet ihr von Pizza?« Die Augen ihrer Mutter wanderten erst zu ihr und anschließend zu Tim.

Emma strahlte. »Au ja, Pizza.« Das war ihr absolutes Lieblingsessen.

»Klingt gut«, nickte ihr Bruder begeistert.

»Prima. Dann ist es abgemacht.« Ihre Mutter nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse.

Emma schob die leere Müslischüssel von sich. »Ich muss los. Bis später.« Sie beugte sich nach vorne und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange.

»Und ich?« Tim spitzte seinen Mund.

»Du spinnst wohl!« Sie zeigte im einen Vogel. »Eher küsse ich einen nassen Hund.«

»Dachte ich mir.« Er grinste schief.

Sie ging zur Tür.

»Ich würde das Essen für acht Uhr vorbereiten. Schaffst du das?«, holte die Stimme ihrer Mutter sie zurück.

»Mhm.« Sie überlegte einen kurzen Moment. »Ich habe bis halb acht Training. Wenn ich mich beeile, bin ich um acht hier.«

»Alles klar, dann weiß ich Bescheid. Bis nachher, mein Schatz.« Ihre Mutter warf ihr einen Flugkuss zu.

Gutgelaunt machte sie sich auf den Weg in die Schule.

 

Antonia zwängte sich in ihre Jeans und stellte sich vor den kleinen Spiegel, um sich mit kritischem Blick zu mustern. Eine Flut aus roten Locken fiel ihr über die Schultern und bildete einen starken Kontrast zu ihrer hellen Haut und den leuchtend grünen Augen. Ihr Vater sagte immer, sie würde wie eine irische Elfe aussehen, und manchmal war sie sogar bereit, ihm zu glauben. Allerdings musste sie dazu die unzähligen Sommersprossen ausblenden. Es gab keine Stelle in ihrem Gesicht, wo sich nicht eines der unschönen Biester breitgemacht hatte. Sie hatte schon vieles ausprobiert, um den lästigen Punkten zu Leibe zu rücken. Zitrone galt unter Fachleuten als natürliche Bleiche. Bei ihr hatte es lediglich dafür gesorgt, dass sie einen fiesen Ausschlag bekommen hatte. Auch andere Hausmittelchen hatten kläglich versagt und sie hatte letztendlich kapituliert und den Kampf gegen die Sommersprossen aufgegeben. Sie streifte sich die Jeans über und zog ihr Lieblings-T-Shirt aus dem Schrank. Die ehemals grüne Farbe war ausgewaschen und hatte einen matten Schlammton angenommen. Aber sie mochte die Form und den Stoff, der sich weich an die Haut schmiegte. Sie schlüpfte in die silbernen Riemchensandalen, die sie erst vorige Woche gekauft hatte.

Anschließend schnappte sie sich ihre Schultasche und stopfte achtlos die Hefte hinein. Die nicht benötigten Bücher kickte sie mit dem Fuß unter ihren Schreibtisch. Ihr Blick fiel auf den Fahrradhelm, der daneben auf dem Boden lag. Sie hasste das scheußliche Ding und am liebsten hätte sie es hochkant aus dem Fenster geschmissen. Jeden Morgen, wenn sie zur Schule fuhr, hatte sie Angst, dass einer ihrer Klassenkameraden sie mit dem Ungetüm auf dem Kopf sehen könnte. Aus diesem Grund hatte sie sich ein Täuschungsritual zu eigen gemacht, das ihr genau diese Peinlichkeit ersparen sollte. Sobald sie außer Sichtweite war, zog sie den Helm aus und radelte ohne weiter.

Sie warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel, dann ging sie nach draußen.

Sie hörte eine Stimme aus dem Wohnzimmer.

Neugierig schielte sie um die Ecke. Ihre Mutter hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und telefonierte mit geschäftsmäßigem Ton. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war es einer ihrer Mandanten, der bereits am frühen Morgen dringenden Rechtsbeistand brauchte. Gabriele Böhm war Anwältin und arbeitete halbtags in einer kleinen Kanzlei.

Sie streckte den Kopf durch die Tür. Ihre Mutter sah zu ihr hoch und signalisierte ihr leise zu sein.

»Bis später!«, formte sie lautlos.

Ihre Mutter pustete ihr einen Kuss zu. »Ja, da haben Sie absolut recht«, wandte sie sich anschließend wieder ihrem Telefongespräch zu.

Seufzend ließ Antonia die Tür ins Schloss fallen und lief die Treppe hinunter.

Als sie nach draußen trat, wurde sie von der warmen Sommerluft empfangen. Die Nachbarskatze schlich durch den Garten auf der Jagd nach Vögeln. Ihr Fahrrad lehnte angekettet gegen den Vorgartenzaun des Hauses.

Antonia befestigte die Schultasche mit einem Expander auf den Gepäckträger und öffnete das Fahrradschloss. Unauffällig sah sie nach oben zum Wohnzimmerfenster.

Mist.

Die Silhouette ihrer Mutter war klar und deutlich zu erkennen.

Missmutig schnappte sie sich den Helm und zog ihn auf. Sie würde sich bis zur nächsten Ecke gedulden müssen, um das lästige Teil loszuwerden.

Die Stadt war bereits zum Leben erwacht und ein stetiger Strom von Autos quälte sich in langen Schlangen durch die Straßen. Geschäftsleute im Anzug und bewaffnet mit ihrer Aktentasche hetzten über den Gehweg in Richtung U-Bahn. Einige Mütter mit ihren Kleinkindern an der Hand schlenderten zum benachbarten Kindergarten. Schulkinder mit schweren Ranzen auf dem Rücken machten sich auf den Weg zur nahegelegenen Grundschule.

Gedankenverloren ging Antonia mit dem Fahrrad in die Kurve. Ein lautes Surren, als ob etwas gerissen war, ließ sie hochschrecken. Blitzschnell drehte sie den Kopf zur Seite. Der Expander war aufgegangen. Ihre Tasche lag auf dem Asphalt. Der Verschluss hatte sich beim Sturz geöffnet und ihre Bücher lagen darum verstreut.

Verdammt!

Fluchend trat sie auf die Pedale in den Rücktritt. Das Rad kam abrupt zum Stehen. Schwungvoll riss sie den Lenker herum, um zu wenden. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich ein weiteres Fahrrad näherte.

»Hey.« Der Fahrradfahrer hatte angehalten und deutete auf ihre Sachen. »Du hast was verloren.«

Antonia Herz setzte bei seinem Anblick einen Schlag aus.

Vor ihr stand der attraktivste Junge ihres Lebens. Er war hochgewachsen und hatte die Figur eines Athleten. Die Beine steckten in lässigen Jeans, und sie konnte seine Muskeln unter dem engen Shirt erahnen.

Der Schutzhelm auf ihrem Kopf brannte, und sie spürte, wie eine verräterische Röte ihre Wangen überzog. Sie wünschte sich, der Boden würde sich auftun und sie verschlingen. Bedauerlicherweise kamen solche Naturkatastrophen nie, wenn man sie brauchte.

Er musste sie für einen kompletten Idioten halten! Hektisch fuchtelte sie an dem Verschluss und versuchte, den Helm zu lösen. Ohne Erfolg! Irgendetwas klemmte.

Mist! Das verflixte Ding saß, wie es sitzen sollte, fest auf ihrem Schädel.

Der Unbekannte blickte amüsiert zu ihr. Er hatte leuchtend blaue Augen und einen wunderschön geschwungenen Mund. Mit den lockigen braunen Haaren, dem markanten Gesicht und dem unverschämten Lachen wirkte er aus wie ein Abercrombie-Model, das sein Surfbrett nur kurz abgelegt hatte. Sie würde jede Wette eingehen, dass sich unter seinem T-Shirt ein Sixpack verbarg.

Er bückte sich, sammelte ihre Sachen ein und schob alles zurück in ihre Mappe. »Das gehört doch dir, oder?«

Sie nickte stumm. Ihr Mund war staubtrocken und ihr Herz schlug bis zum Hals. In ihrem Kopf herrschte völlige Leere. Sie war unfähig auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

Verlegen griff sie nach der Tasche. Dabei berührten sich ihre Hände für den Bruchteil einer Sekunde und ein Stromschlag durchfuhr sie. Erschrocken zog sie den Arm zurück. Dort, wo er sie gestreift hatte, kribbelte ihre Haut. Die Augenbrauen des Jungen schnellten nach oben, als er ihren überraschten Blick auffing.

»Danke!«, stotterte sie. Anscheinend hatte ihr Sprachzentrum beschlossen, sich genau in diesem Moment zu verabschieden. Sie kam sich entsetzlich dämlich vor.

Er schwang sich mit einem lässigen Move auf den Sattel. »Gern geschehen.« Er tippte sich mit zwei Fingern wie zum Gruß an die Schläfe. »Man sieht sich!«

Antonia spürte, wie ihr Gesicht erneut von einer warmen Welle überflutet wurde. Wahrscheinlich schaute sie aus wie eine Tomate kurz vor dem Platzen. Der Unbekannte grinste sie breit an. Dann radelte er, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen, los.

Unfähig, sich zu bewegen, starrte sie ihm hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Das Letzte, was sie vom ihm wahrnahm, waren seine dunklen Haare, die wie eine Fahne im Wind flatterten.

Jemand hupte laut hinter ihr. Erschrocken fuhr sie herum. Ein Auto rollte mit quietschenden Reifen auf sie zu. Instinktiv hielt sie den Atem an. Zirka zehn Meter vor ihr kam der Wagen zum Stehen. Der Fahrer, ein rattengesichtiger Mann, zeigte ihr den Vogel. Hastig setzte sie sich auf ihr Rad und sauste, so schnell sie konnte, los. Ihr Puls raste und sie fühlte sich leicht schwindelig.

Wer war der Junge gewesen, und was viel wichtiger war – würde sie ihn wiedersehen?

 

»Guten Morgen, ihr Lieben.« Frau Rückert-Jurisch, ihre Deutschlehrerin, eine dickliche Frau mit dünnen Lippen und schütteren braunen Haaren, betrat das Klassenzimmer. Sofort brach der Lärm ab und einundzwanzig Köpfe drehten sich nach vorne. Alle, außer Emma, die noch damit beschäftigt war sich Lipgloss aufzulegen. Lena gab Emma einen Stoß in die Seite.

»Was denn?« Emma runzelte genervt die Stirn. Lena machte eine Kopfbewegung in Richtung Tafel. Zur allgemeinen Überraschung war Frau Rückert-Jurisch nicht allein. Ein Mädchen folgte ihr mit wenigen Schritten Abstand.

Sie war ungewöhnlich groß und schlank. Ihre Haare schimmerten wie golden im Licht. Die Haut des Mädchens war makellos und von einer zarten Bräune überzogen. Sie hatte hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und geschwungene Lippen. Ihre Kleidung war mindestens so auffällig wie sie selbst: Ein kurzer Minirock, der die langen Beine betonte, dazu ein eng anliegendes Shirt, unter dem sich ihr BH abzeichnete. Ein Raunen ging durch die Reihen ihrer Mitschüler und erste anerkennende Pfiffe ertönten.

Frau Rückert-Jurisch hob grinsend die Arme. »Okay, ihr könnt euch wieder beruhigen!« Sie wartete einen Moment, bis auch die Letzten aufgehört hatten, zu quatschen. »Das ist Greta Marwitz, eure neue Mitschülerin.«

Greta hob grüßend die Hand. »Hi Leute!« Ihre Stimme klang leicht rau. Sie machte einen selbstbewussten Eindruck. Ihre wasserblauen Augen glitten durch den Klassenraum.

»Greta ist aktuell mit ihrer Familie aus England hierhergezogen. Ich hoffe, ihr nehmt sie gut bei uns auf.« Frau Rückert-Jurisch lächelte ihr zu.

»Wovon träumt die Jurisch eigentlich nachts?« Emma schürzte abfällig die Lippen. »Wir können hier keine Tussi gebrauchen.«

»Du kennst sie doch gar nicht«, bemerkte Lena überrascht.

»Das sieht man doch auf den ersten Blick, dafür brauche ich sie nicht zu kennen.«

»Findest du?« Lena legte den Kopf zur Seite.

»Die wirkt, als wäre sie gerade bei Germany‘s next Topmodel rausgeflogen. Schau dir doch nur mal die Klamotten und die Haare an. Das sprich für sich.«

»Was ist verkehrt mit den Haaren?«

»So dicke Haare hat kein Mensch«, sagte Emma fachmännisch. »Sind bestimmt Extentions.«

»Das ist doch Blödsinn. Du hast genauso einen Mopp auf dem Kopf«, gab Lena offen zu.

»Echt jetzt?«

»Na klar.«

Emma schwieg, ohne die Augen von Greta zu nehmen.

»Bist du etwa eifersüchtig?«, wisperte Lena. Emma witterte Konkurrenz normalerweise auf hundert Meter Entfernung.

»Quatsch, ich finde sie nur nicht sympathisch, das ist alles.«

Anhand von Emmas Reaktion wusste Lena, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Außerdem ist mir die Neue egal.«

»Na, wenn das mal stimmt«, zweifelte Lena.

»Was gibt es dahinten zu flüstern?« Frau Rückert-Jurischs Augen musterten sie missbilligend.

»‘Tschuldigung. Wir haben gerade festgestellt, wie schön es ist, jemand Neues in der Klasse zu haben.« Lena zwinkerte Emma verschwörerisch zu.

»Na, das ist doch wunderbar«, flötete Frau Rückert-Jurisch übertrieben fröhlich. »Vielleicht wünscht ihr euch ja, dass Greta neben euch sitzt?«

»Absolut« antwortete Lena, bevor Emma ihr zuvorkommen und einen Eklat hervorrufen konnte.

»Greta, nimm doch bitte Platz«, forderte die Lehrerin sie auf.

»Das hast du ja toll hinbekommen«, knurrte Emma.

»Hey, ich wollte gute Stimmung machen. Das ist alles.« Lena hob entschuldigend die Arme in die Luft.

»Lena, Emma! Gibt es Probleme, über die ihr sprechen möchtet?« Die Deutschlehrerin sah sie herausfordernd an.

Die zwei schüttelten den Kopf.

»Gut, dann würde ich gerne fortfahren«, nickte Frau Rückert-Jurisch zufrieden.

Greta schob den Stuhl geräuschvoll zur Seite. Einige kicherten. Ohne sich stören zu lassen, legte sie die Tasche auf den Boden neben dem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Lena schenkte der Neuen ein freundliches Lächeln.

Emma musterte

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Tina Jörns
Cover: Catrin Sommer www.rausch-gold.com
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 30.08.2018
ISBN: 978-3-96465-027-6

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /